Abfahren lernen von den Besten

Das erste Mal muss ich eine Jan-Ullrich-Tour nicht alleine fahren. Andres und Gregor sind mit dabei, ich treffe sie am Bahnhof in Bad Krozingen. Sie sind von Freiburg her geradelt – mir wäre es zu viel geworden, da die Tour selber schon 150km sind und von Denzlingen wären 30 dazu gekommen. Schnell kommen wir ins Quasseln, sodass wir gar nicht richtig merken als die Straße im Münstertal langsam anfängt zu steigen. Mittlerweise ist die Straße auch durchgängig neu asphaltiert. Herrlich.

Gregor ist eine gute Informationsquelle und so erfahre ich, dass man in dem offensichtlich bei Niederländern sehr beliebten Campingplatz sowie im Restaurant am Spielweg sehr gut essen kann. Nächstes Mal. Gregor sagt, dass er den Stohren schon öfter gefahren ist. Mit meiner 39×28 habe ich da keine Lust und wir folgen der Straße, wie im Buch vorgegeben, weiter zum Wiedener Eck. Es ist kaum Verkehr, nicht zu warm (und nicht zu kalt) und die Sonne scheint. Herz, was willst Du mehr. In der Abfahrt lässt Gregor erstmals seine (mit Sicherheit vom MTB geförderten) Abfahrtskunst aufblitzen. Nur den „ohne Pedalieren-Wettkampf“ verliert er gegen so einen  Fatty wie mich. 

Ein Weltmeister leitet den zweiten Anstieg ein, denn wir passieren das große Jogi-Löw-Schild am Ortseingang in Schönau und ich muss lachen als Andres erzählt, dass ein Kumpel ihm immer Videos vom Jogi schickt wenn dieser mal wieder in unglücklicher Pose gefilmt wurde. Wir biegen von der Hauptstraße ab, entledigen uns wieder ein paar Kleidungsstücke und pedalieren aufwärts Richtung Neuenweg. Ich erzähle den beiden enthusiastisch, dass am Sirnitz Gipfel ein Kiosk ist. „Hat das auch offen?“ stellt Andres die richtige Frage. „Keine Ahnung, werden wir bald sehen,“ antworte ich schmallippig. Andres zieht das Tempo an, er ist ganz offensichtlich neugierig. Es hat natürlich noch zu – ist halt noch Vormittag. Nach kurzer Pause am relativ leeren Waldparkplatz geht es in die letzte lange Abfahrt. Tschüss Gregor. Schnell verschwindet er hinter den Kurven. Nur auf der Geraden komme ich wieder näher.

Badenweiler erreichen wir nicht wirklich weil es vor dem Ortseingang rechts weg über eine kleine Anhöhe nach Zunsingen und weiter nach Müllheim geht. Also keine Entspannung in den Thermen, wie es sich früher das Team Telekom hier in den Trainingslagern gönnen konnte. In Müllheim trennen sich unsere Wege. Ich folge der Route weiter Richtung Süden, Andres und Gregor entscheiden sich gegen den Zug und radeln direkt Richtung Freibug und hinein in den Gegenwind. Eines meiner Lieblingsbücher ist „Salz Im Kaffee“ von Hans Blickensdörfer, über den ersten deutschen Tour de France Sieger Ernst Budzinski – geschrieben 1983. Nicht nur die Ähnlichkeiten mit Aufstieg und Fall und der Ost-Herkunft zu Jan Ullrich sind frappierend. Auch spielen acht Sekunden Differenz zwischen erstem und zweiten eine entscheidende Rolle (sechs Jahre bevor Greg LeMond mit genau diesem Zeitvorsprung über Laurent Fignon siegte). Der Titel der englischen Ausgabe lautet „Where the North Wind Blows“. Leider ist da heute was dran. Oft fahre ich das Stück zwischen Neuenburg und Bad Krozingen oder Freiburg mit heftigem Rückenwind. Heute aber bläst mir der Nordwind direkt ins Gesicht. Nach den 2000 Höhenmeter und eine Woche ohne Training merke ich es und bin froh, als ich den Bahnhof in Bad Krozingen erreiche. Enstation. 

Tourdetails:

Länge: 151km (laut Buch 149km)

Höhenmeter: 2189hm (laut Buch 2150hm, laut Strava Route 2102hm) 

 

Mit Arbeitskollegen macht die Tour noch mehr Spaß

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